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Nach dem Aufruf ein Bummel mit Bürgermeister: Wie steht's um die Altstadt?Das Versprechen: Die Stadt wird aktiv

ALSFELD. Der Aufruf, Ideen zur Verschönerung der Alsfelder Altstadt einzureichen, hat große Aufmerksamkeit erzielt, aber nicht zu einer Flut von Vorschlägen geführt. Das war auch nicht zu erwarten, ist zu dem Thema doch schon viel gesagt worden. Aber doch: Vier ernste Vorschläge kamen – die mittlerweile auch bei Bürgermeister Stephan Paule angekommen sind. Der Übergabetermin wurde denn genutzt, um sich gemeinsam ein paar Schmuddelecken rund um den Marktplatz anzuschauen – und ein Versprechen einzuholen.

Häuser zu sanieren, Straßen herzurichten, hat immer etwas mit Geld zu tun. Aber auch mit dem Willen, so etwas überhaupt anzupacken – und jene, die etwas tun, nicht mit der Aufgabe alleine zu lassen. Darum ging es auch hauptsächlich in den eingereichten Vorschlägen nach dem Aufruf von Oberhessen-live – neben mancher Kritik an der Verwaltung und so bekannten Anregungen wie verlängerten Frei-Parkzeiten. Ein Vorschlag enthielt sogar ein komplettes Handlungskonzept. Das kam von einem Vogelsberger Planungsbüro, das aber nicht genannt werden möchte.

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Zur Beachtung Für Oberhessen-live übergibt Axel Pries im Rathaus die Vorschläge an Bürgermeister Paule.

Dieser Konzeptvorschlag empfiehlt einen ganzheitlichen Handlungsprozess für eine Erneuerung der Altstadt. Heißt: Da geht es nicht um eine Betrachtung der Fassaden hier und der Parkflächen da, sondern um einen Prozess, in dem Menschen und die sie umgebende Altstadt als eine Einheit betrachtet werden – und das beginnt mit der Frage: Wie sieht es denn derzeit konkret aus, und was genau brauchen die Hauseigentümer? Diese Informationen müssten erst einmal im Detail erfragt werden. Das Ganze könnte darin münden, dass die Einwohner aktiviert werden, und die Stadt dabei aktiv mit Rat und Tat zur Seite steht: mit Knowhow aus der Verwaltung und Satzungen, die dem Sanierungswillen angepasst werden.

Altstadtrundgang in strömendem Regen

Genau dahin wolle er im Grunde auch, erklärte Bürgermeister Paule nach der Übergabe der Vorschläge im Rathaus beim anschließenden Rundgang durch Alsfelds Altstadtagssen – natürlich bei strömendem Regen. Der Vorschlag dazu kam von Oberhessen-live, aber Paule war gerne darauf eingegangen, um seine Ansichten und Prioritäten vor Ort bei sanierungsbedürftigen Gebäuden zu erklären. Er lenkt zu allererst in die Rittergasse, wo das prächtige Neurathhaus Besucher immer wieder entzückt – aber die Stadt als Eigentümerin regelmäßig vor neue Aufgaben stellt.


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Aufbau und Verfall: Links sind Eigentümer seit Jahren am Sanieren, rechts gammelt ein Haus in der Unteren Fulder-Gasse vor sich hin. Blick auf die Rückseiten.

Auf den ersten Blick erkennbar: Die Balken wirken angefressen, Farbe blättert überall ab. „Hier ist eine Balken- und Dachsanierung fällig“, sagt der Bürgermeister und weist mit ausholender Geste über die Vorderfront des mächtigen, 316 Jahre alten Gebäudes. Heißt: im Grunde überall. Das kostet: Jüngere Schätzungen gehen von 250.000 Euro aus, die die Stadt als Eigentümerin aufbringen muss. Derzeit werde geprüft, welche Förderungsmöglichkeiten vom Landesamt für Denkmalpflege und von der Stiftung Denkmalschutz zu erwarten seien. Da liegt doch schon ein Problem: Die Stadt hat Übung darin, Fördertöpfe aufzuspüren, aber der private Hauseigentümer kennt diese Wege nicht. „Das stimmt“, nickt Bürgermeister Paule. Die Stadt gebe aber durchaus auch Ratschläge.

Am Roßmarkt: Das Bruchhaus wartet auf den Bagger

Weiter geht es durch verregnete Straßen. In der Mainzer Gasse schaut Paule sich um: „Es ist ja nicht alles Bruch“, sagt er, zeigt auf die Fachwerkfassaden. Mancher Balken blättert, aber viele Höuser sind saniert und bietet einen gefälligen Eindruck. Nur wenige Meter weiter lauert aber ein echter Schandfleck am Roßmarkt: das Bruchhaus an der Dreifaltigkeitskirche. Eingeschlagen die Scheiben, abgerissen, gebrochen viele Schindeln, die zugenagelten Fenster im Erdgeschoss mit Plakaten zugeklebt, das Dach eingefallen und löchrig. Einst befand sich darin sogar ein Reisebüro, heute ist das Haus fällig für den Abbruchbagger. Indes: „Wir können es weder niederlegen noch sanieren“, sagt der Bürgermeister.

Das Haus sei heute in privater Hand: im Eigentum einer Immobilien-GmbH. Was die damit vorhat, wisse er nicht. Es gebe auch bereits seit Jahren eine Abbruch-Genehmigung, die aber nicht genutzt werde. Und solange von dem Haus keine Gefahr ausgeht, könne die Stadt nicht einschreiten. Im Grunde ähnlich die Situation in der Unteren Fuldergasse, gegenüber der Steinborngasse. Ein großes Haus, eine baufällige Fassade, die mehr als Farbe bräuchte: „Es ist entsetzlich“. In dem Viertel gibt es gleich mehrere Fachwerkhäuser, die dringend nach Sanierung schreien. Eines bietet von hinten Durchblicke bis auf die Straße, ein anderes musste mit Gittern abgesperrt werden, weil Ziegel fallen könnten. Dabei, so verrät der Rathauschef, habe er in diesen Gassen seine Liebe zum Fachwerk entwickelt.

Bedenkliche Neigung am Kirchplatz

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Deutliche Neigung erkennbar: der Blick auf das Problemhaus am Kirchplatz.


Ein Halt in der Metzgergasse – einem in sich geschlossenen Winkel. Im Grunde, so sinniert Paule, könnte dort doch auch mehr draus gemacht werden – ohne größeren Aufwand. Auf dem Weg zum Kirchplatz bleibt er im Pfarrgässchen steht, wo die Häuser von Markt 15 versammelt von hinten zu sehen sind: Es drei Gebäude auf 800 Quadratmetern Fläche – von hinten wenig ansehnlich. „Da könne man was daus machen“, schwärmt der Bürgermeister – und räumt gleich ein: „Wenn Geld da ist.“ Das Problemhaus am Kirchplatz ist von weitem erkennbar, weil es sich bedenklich neigt. „Da muss was getan werden“. Dabei könnte das schmale Häuschen mit Blick auf die Walpurgiskirche sehr schön sein mit der Weinranke über dem Durchgang. In der Kaplaneigasse: Hui hier, wo mal ein paar Balken Anstrich erhielten, pfui dort, wo Fenster mit den Holzbalken um die Wette faulen. Wer genauer hinschaut, erkennt überall Bedarf. Die Hofstatt versöhnt ein wenig: Dort reihen sich mehrere liebevoll hergerichtete Fachwerkhäuschen aneinander – im Sommer mit Blumen geschmückt – immer noch eine Gasse, in der Besucher verzückt verweilen.

Fazit: „Aktiv auf Eigentümer zugehen“

Und das Fazit des Rundgangs? „Die Altstadt ist das Aushängeschild, einer der Wirtschaftsmotoren für Alsfeld“, betont Paule, der die Wirtschaftsförderung inzwischen als Chefsache direkt unter seine Fittiche genommenn hat. Deshalb sei „aktives Handeln“ notwendig, um in Zeiten knapper Kassen die Wege zu Förderungsmöglichkeiten zu weisen. Notwendigkeit erkannt. Paules Versprechen: „Die Stadt wird im Frühjahr aktiv auf die Eigentümer zugehen!“ Zunächst auf die Gewerbetreibenden, aber auch auf alle anderen Einwohner. Erstes Ziel: eine schönere Altstadt.

Von Axel Pries