Schwer enttäuscht von Behörden: Peter Schwärzel (l.) und Peter Rahm aus dem Vorstand des Fördervereins mit einem Plan des Jungfernstegs.Fotos: aep

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Jungfernsteg: das Ende einer guten Idee – ein kommentierter BerichtWie Behörden Bürgereinsatz abbügelten

ALSFELD. Und noch einmal zeigt ein Amt, wozu es sich berufen fühlt: zur Durchsetzung von Vorschriften, Stück für Stück, unabhängig von Zeit, Kosten – und Sinnhaftigkeit. So bekommt in diesen Tagen der Alsfelder Förderverein für den Jungfernsteg quasi posthum noch einmal vorgeführt, woran er eigentlich gescheitert ist: an behördlicher Sturheit. Im vergangenen Sommer aufgelöst, kämpft der Vorstand immer noch mit dem Amtsschimmel – um sich auflösen zu können. Unwürdiges Ende einer traurigen Geschichte: Behörden vs. Bürgereinsatz.


Dabei war es eine tolle Idee damals, als Alsfelder Einwohner beschlossen, ein Projekt in die eigenen Hände zu nehmen, weil die öffentliche Hand dazu keine Mittel mehr hatte: den Wiederaufbau der kleinen Schwalmbrücke. War das nicht genau der Tenor der Sonntagslobreden auf ehrenamtliches Engagement?

Das war gefragt 2006, als in Alsfeld mangels Geld die Lichter auszugehen drohten und zugleich das Alsfelder Bauamt den Jungfernsteg im Erlenpark wegen Baufälligkeit sperren musste. Dieses kleine Brückchen, das kaum jemand außerhalb der Stadt kennt, weil es so versteckt liegt auf dem Weg gen Altenburg – das sich aber bei den Alsfeldern großer Beliebtheit erfreute. Warum, das spiegelt sich im Namen wieder: In seinen rund 80 Jahren Existenz soll so manche junge Dame aus der Stadt es mit ihrem Liebsten nur in eine Richtung als Jungfer überquert haben. In den Erinnerungen mancher Alteingesessener klingt das so: „Auf dem Brückchen haben wir uns das erste Mal geküsst.“

Der Jungfernsteg hatte etwas Romantisches auf seinen 18,5 Metern Länge mit zwei steinernen Pfeilern im Bachgrund: ein bisschen altmodisch, ein bisschen verspielt, ein wenig versteckt. Und dieses Brückchen schloss den Kreis der beliebten Spazierrunde durch den Erlenpark.

2007: als die große finanzielle Not herrschte

Kein Wunder, dass die Idee, es in Zeiten finanzieller Not mit bürgerschaftlichem Engagement wieder herzustellen, sofort Mitstreiter fand. Das war 2007, als in Alsfeld nach der berühmten Bürgerversammlung in der Hessenhalle das „Haushaltssicherungskonzept“ beschlossen wurde. Eine Grundforderung: kein Geld mehr für so genannte Freiwillige Leistungen. Der Jungfernsteg fiel darunter. Das Aus?

Nicht für die Aktiven des Vereins „Bürger für Alsfeld“. Einer war Peter Schwärzel, Leiter der Stadtschule: „Ich dachte, das kriegen wir schon hin. Das war naiv!“, erzählt er heute in der Rückschau. Man gründete 2009 mit neun Mitgliedern den Förderverein für den Jungfernsteg, und rannte bei Alsfeldern sofort offene Türen ein: „Man war begeistert. Unheimlich viele Leute sagten ihre Unterstützung zu.“

Während Spendensammler des Vereins immerhin 110 „Aktien“ zu je 50 Euro an den Mann brachten und Hunderte Alsfelder das Portemonnaie zücken ließen, machte die Technikerschule eine Bestandsaufnahme des Bauwerks zu einer Semesterarbeit. Alsfelder Unternehmen sagten Hilfe zu, wenn gebaut wird, waren willens, Knowhow, Mitarbeiter und Material im Wert von Zehntausenden Euro zu stellen. Große Spendenzusagen kamen herein: 10.000 Euro auf einen Schlag hier, 20.000 Euro sogar von einem früheren Alsfelder aus Island.  Der Jungfernsteg weckte offenbar tiefe, alte Gefühle. Das Geld wurde benötigt: Auf 80 000 Euro bezifferten Fachleute die Kosten, um die steinernen Pfeiler wieder zu stabilisieren und die Holzkonstruktion darauf neu aufzubauen – diesmal mit stählernen Stützen.

Auch bei der Alsfelder Stadtverwaltung fand die Idee Zustimmung: 2011, als die große Sammelaktion begann, bescheinigte das Bauamt dem Verein, ein „kulturhistorisches Projekt“ zu verfolgen – worauf er vom Finanzamt einstweilen die Gemeinnützigkeit zuerkannt bekam. Das war das letzte Mal, dass eine Behörde diesen Verein unterstützte.

2012: der Schock der fehlenden Gemeinnützigkeit

Im Jahr darauf, Februar 2012, folgte der Schock: Der einstweilige Status der Gemeinnützigkeit lief ab – und das Finanzamt verlangte neuerliche Beweise für den gemeinnützigen Zweck. Im April sollte es eigentlich losgehen, aber diesmal war es vorbei mit dem guten Willen in den Amtsstuben: Die Denkmalschutzbehörde, die zum Ärger Betroffener und vieler Bürgermeister den Status „Denkmal“ in Vogelsberger Dörfern auch schon mit der Gießkanne verteilt hatte, sah in dem historischen Brückchen über die Schwalm keine denkmalwürdige Konstruktion – zumal der Holzanteil mittlerweile abgerissen worden war, um Kletterpartien zu unterbinden. Aber das Hauptgewicht des Bauwerks – die steinernen Pfeiler, die Gründung im Ufer – stehen noch. Im gleichen Jahr feierte das Rathaus 500. Geburtstag. Wie viele Balken des alten Gebäudes sind wohl tatsächlich 500 Jahre alt?

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Diese Anerkennung verlangte aber das Finanzamt ganz zwingend. „Eine Körperschaft verfolgt gemeinnützige Zwecke, wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern.“ So heißt es in der zugrunde liegenden Abgabeordnung. Alles klar? Indes: Der gemeinschaftliche Wiederaufbau einer maroden Brücke, die der Allgemeinheit zugute kommt, ohne steuerliche Mittel in Anspruch zu nehmen, ist im Ausführungskatalog der Behörde nicht direkt aufgeführt. Man könnte es eine Arbeit für den Denkmalschutz nennen (siehe oben) oder eine kulturelle Arbeit oder einfach „ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement“. Wer einen Schach- oder Amateurfunkverein gründet, gehört dazu.

Gegen eine Mauer aus Vorschriften gerannt

Nicht die Alsfelder Brückenbauer. Das Finanzamt ließ keine Deutung zu, die vom starren Gemeinnützigkeitskatalog abweicht. Und wenn das Projekt in der Öffentlichkeit noch soviel Anerkennung fand: Bei den beteiligten Behörden rührte niemand einen Finger, den ehrenamtlichen Einsatz anzuerkennen. „Wir waren mehrere Male zu Gesprächen im Finanzamt“, erinnert sich Peter Schwärzel mit Bitterkeit. Auf der anderen Tischseite habe man sie einfach auf eine Vorschriftenwand auflaufen lassen. Kein Ermessensspielraum wurde eingesetzt. Keine Gemeinnützigkeit, keine Großspenden. Schon aus Gründen der Anerkennung verlangten viele Spender aber eine Spendenbescheinigung. Verzweifelt wandten die Vorstandsmitglieder sich an die politische „Prominenz“ der Region. Das half auch nicht.

Der Förderverein gab auf. Im Sommer 2012 erklärte man bei einer öffentlichen Mitgliederversammlung einstimmig die Auflösung. Die bereits gesammelten Spenden in Höhe von 6000 Euro gingen an den Freiwilligenverein.

Ende der traurigen Geschichte? Lange nicht! Sie ist bis jetzt nicht beeendet.

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Kurz vor dem Abriss der Holzkonstruktion: der alte Alsfelder Jungfernsteg über die Schwalm. Foto: Archiv/aep

 

Der Verein sollte noch ordnungsgemäß im Vereinsregister gelöscht werden. Als Vorsitzender Peter Rahm sich im Frühherbst mit den Antrag an das Registergericht in Gießen wandte, erlebte er eine Neuauflage behördlichen Beharrungsvermögens: in konsequentem Kleben an Vorschriften. Eine Auflösungsversammlung reiche nicht, bekam er zu hören. Der Verein („Welcher Verein?“) sollte von der Versammlung einen Liquidator bestimmen. Dazu müsse in ganz bestimmter Form eingeladen werden. Der zuständige Mitarbeiter am Gericht ließ Rahm für jede Feinheit der Auflösungsbestimmungen neue Anträge stellen – drohte Zwangsgeld an, wenn das nicht zügig gehe. Rahm fuhr selbst hin.  „Der saß da und hat immer in seinem Büchlein geblättert. ‚Das muss sein und das noch‘.“ Sein Eindruck: Der Rechtspfleger kannte die Regelungen selbst nicht genau. Woher, so fragt er sich, hätte er denn als Laie das alles wissen sollen? „Wer kennt sich denn damit genau aus?“ Aber ihm blieb nur die Verhandlung um jedes Detail zur Abwicklung des toten Vereins. „Man kommt sich vor wie ein Bettler.“

Rahm schrieb von einer Auflösungsversammlung ein entsprechendes Protokoll, legte es vor – und dann kam die Frage nach den Kosten. Die sollte der Verein tragen. „Welcher Verein?“ Es gibt keinen Verein mehr, und der nicht mehr existente Verein hat auch kein Geld. Rahm fragte zuletzt an: Wer sollte die Kosten tragen – und in welcher Höhe? Diese Frage ist aktuell noch unbeantwortet. Die Geschichte ist noch nicht zuende.

Aber sie hat eine Moral. Keine gute. Peter Schwärzel, der als Schulleiter Reflektion und Abwägung gewöhnt ist, zieht aus der Geschichte des Fördervereins einen negativen Schluss: „Das Ganze ist für mich völlig demotivierend. Auch für andere Projekte.“

Mal ganz kurz zum Abschluss fabuliert: Wenn dies kein Bürgerprojekt gewesen wäre, sondern im Vorstand namhafte Größen wie Landräte, Abgeordnete oder Bürgermeister gewesen wären. Jede Wette: Die Brücke wäre mit Brief und Siegel Denkmal geworden – und das ganze Projekt mit EU-Mitteln realisiert worden.

Axel Pries