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Straßenschlacht in Hamburg: Kritik einer Vogelsbergerin, die mittendrin war„Planlos und ungewöhnlich aggressiv“

VOGELSBERGKREIS/HAMBURG (aep). Es war eine der wildesten Straßenschlachten des Jahres, und sie war mittendrin: Sylvia aus dem Vogelsbergkreis, die kurz vor Weihnachten an der eskalierten Demonstration um die Rote Flora in Hamburg teilnahm. Sie hat ihre Gründe, ihren Namen nicht öffentlich zu nennen, betont aber, dass sie Gewalt ablehnt und kritisiert nun die Medien wegen einseitiger Darstellung.

Gegenüber Oberhessen-live hat die junge Frau erklärt, warum sie als politisch engagierte Linke im Zusammenhang mit Demonstrationen die Öffentlichkeit scheut. Sie ist oft im sogenannten schwarzen Block dabei – auch vermummt – mitten drin also, wenn es kracht, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt. Dabei betont sie, dass sie Gewalt ablehnt, keine Chaotin, keine Steinewerferin ist  – aber einfach auf ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit pocht. Und sie vermumme sich, damit sie nicht auf Polizeivideos oder gar den Videos von Rechtsradikalen zu sehen ist. „Die schneiden da einzelne Gesichter raus und veröffentlichen dich im Internet.“ Letztlich sei das Tuch über dem Gesicht auch ganz einfach ein Schutz gegen Wasser oder Reizgas. In Hamburg hat sie den gebraucht, als die Demonstration eskalierte und Wasserwerfer auffuhren.

Ziviler Ungehorsam, um Widerstand zu leisten

Sie sei Pazifistin, sagt sie und fasst ihre Motivation so zusammen: „Ich halte zivilen Ungehorsam für ein approbates Mittel, um auf der Straße Widerstand zu leisten. Demonstrieren ist wichtig, denn wer schweigt, erweckt den Eindruck zuzustimmen.“

Rechtsradikale sind es auch, die Sylvia am häufigsten zum Protest reizen – in  Gegendemonstrationen zu rechten Umzügen. So war sie dabei, als Menschen gegen Rechtsradikale in Dresden oder Madgeburg marschierten. Sie war aber auch bei den Aktionen der Blockupy-Bewegung in Frankfurt dabei und weiß, was wichtig ist, wenn die Masse sich in Bewegung setzt, was zu tun ist, wenn Polizeisperren auftauchen, Polizisten versuchen, die Front der Demonstranten zu sprengen. Auch gegen Reizgas und Wasserwerfer ist sie gewappnet, gegen das Ausharren im Polizeikessel. In Sylvias Demo-Gepäck befinden sich deshalb stets eine Styropor-Sitzunterlage, eine Rettungsdecke, etwas zu essen, eine Lösung zum Ausspülen der Augen und manchmal Coffeintabletten, um an langen Tagen wachbleiben zu können.

„Wir Linken solidarisieren uns!“

Das Demo-Gepäck hatte sie auch dabei, als sie in der Nacht zum 21. Dezember gen Hamburg aufbrach. Gefragt, warum sie da als Hessin überhaupt hinfährt, um ein paar marode Gebäude zu retten, blitzen ihre Augen auf: „Aus Solidarität! Wir Linken solidarisieren uns!“ Wenn es in Frankfurt nötig ist, reisen Linke aus ganz Europa an, und sie fahre eben nach Hamburg: „Es geht uns alle etwas an, wenn uns der Kulturraum weggenommen werden soll.“


Gemeint ist die Rote Flora, seit Jahren ein linksalternatives Kulturzentrum, das der Eigentümer nun aber abreißen möchte. Beim Streit um dieses Gebäude geht es längst um Grundsätzliches, und mancher Beobachter sieht darin auch einen Kristallisierungspunkt sozialer Kälte in Hamburg, die beim Flüchtlingsproblem beginnt und bis zu den bedrohten Esso-Häusern reicht. Die Demonstration sollte Protest sein gegen Abrisspläne, doch hinterher sprach kaum noch jemand davon. Im Mittelpunkt der Schlagzeilen standen nur noch Verletztenzahlen: 120 verletzte Polizisten stand in manchen Zeitungen groß zu lesen. Genauer nachschschauen musste, wer erfahren wollte, dass auch Hunderte Demonstranten verletzt wurden. Und über allem stand die Frage nach der Schuld: Wie begann die Gewalt, und war das vermeidbar – ein Thema auch in einem eigenen Artikel bei Wikipedia zu der Demonstration.

Während Björn Werminghaus, stellvertretender Landesvorsitzender des hessischen Landesverbands und Geschäftsführer der Deutschen Polizeigewerkschaft, sich über Twitter am Tag darauf sogar in die Feststellung verstieg,  „Sind ja auch keine Demonstranten, sondern gewalttätiger Abschaum“, sehen manche Medien die Entwicklung im Hamburger Schanzenviertel inzwischen differenzierter – und die linksorientierte Berliner taz erhebt sogar den Vorwurf vorsätzlicher Eskalation seitens der Polizei.

Anfangs fröhliche Stimmung

Als sich der Demonstrationszug am 21. Dezember mit rund 7500 Teilnehmern an der Sternschanze in Bewegung setzt, ist Sylvia jedenfalls mittendrin dabei – etwa 100 Meter hinter der Spitze, erzählt sie. Anfangs habe sogar eine eher fröhliche Stimmung geherrscht. Sie sieht Mütter mit Kindern, 14-jährige Mädchen im Zug mitgehen, als der sich um 15 Uhr in Bewegung setzt – eine Stunde nach dem geplanten Start, während die Leitung noch mit der Polizei über eine Kursänderung diskutiert. Der Zug startet, wird aber schnell von der Polizei gestoppt, und dann bricht binnen Minuten die Hölle los. Ein Video zeigt, dass zumindest bis dahin keine Steine flogen.

Plötzlich habe es vorne ein Handgemenge gegeben, erinnert sich Sylvia, „und dann haben welche Flaschen geworfen“, woraus sich aus ihrer Sicht „vorne rechts“ die ersten Straßenschlachten entwickelten. Wasserwerfer fahren auf. Sylvia hängt sich bei zwei jungen Männern ein, wie sie es bei Demonstrationen gelernt hat, damit der Zug nicht zerreißt. Reihen schließen, heißt das. „Du machst die Augen zu und hoffst, dass du kein Gas abkriegst.“ Es wird eng, sie wird gedrückt, geschoben. Hatte sie keine Angst? „Du hast Angst“, antwortet Sylvia: „Aber du hast soviel Adrenalin fließen… du zitterst wie verrückt.“

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Darum geht der Streit: das linksalternative Kulturzentrum Rote Flora in Hamburg. Foto: privat


 

Die demonstrationserfahrene Vogelsbergerin staunt über eine ungewöhnliche Taktik der Polizei: In kleinen Gruppen seien Polizisten mitten in den Block eingedrungen, hätten Demonstranten attackiert. „Das ist lebensgefährlich“, meint sie. Wenn 20 Polizisten in einer Menschenmenge auf gleich große Gruppen gewaltbereiter Autonomer treffen, dann bekommen alle ein Problem. So etwas habe sie sonst noch nicht gesehen – von Deeskalation keine Spur. Überhaupt bekommt sie den Eindruck, dass die Polizei planlos handelt – und ungewöhnlich aggressiv.

Reizgas in den Augen

Sylvia erzählt immer schneller und beinahe atemlos, wie sie schließlich selbst von Reizgas getroffen wird. RSG-Gas, (Pfefferspray) sagt sie, dessen Einsatz als Kampfmittel in internationalen Konflikten durch das Abkommen über biologische Waffen von 1972 verboten sei, im Inneren sei der Einsatz jedoch durch Ausnahmegenehmigung der zuständigen Ministerien gestattet. Das ist schwer umstritten.

Die Wand aus Polizeipanzerung taucht vor ihr auf, ein Wasserwerfer. Sie bekommt eine Ladung Gas in die Augen gesprüht, sieht nichts mehr, bekommt Atemprobleme und muss raus aus der Reihe. In einer Seitengasse spülen Helfer ihr die Augen aus. „Das tut so weh, du kneifst die Augen einfach zusammen.“ Mit den Fingern müssen sie geöffnet werden. Längst ist Sylvia auch tropfnass, ist der Demonstrationszug gesprengt – und ab da zogen die Demonstranten in Kleingruppen durch die Stadt, unter ihnen auch Randalierer, erzählt sie: gewaltbereite Teilnehmer, die die Straßen verwüsteten, Scheiben von Banken und Geschäften, dem „Kapital“ zertrümmerten.

Sie selbst flieht mit der Masse, nicht genau wissend wovor eigentlich, aber ein paar Straßen weiter – „das war die Kastanienallee“ – wird sie mit Hunderten Menschen eingekesselt. Es vergehen Stunden des Wartens. „Es war kalt, ich war nass“. Als sie pinkeln muss, bettelt sie bei einem Polizisten, ein nahes Lokal aufsuchen zu dürfen. Sie darf den Kessel kurz verlassen – und sich zwischen Autos niederhocken. „Die haben mir zugeguckt.“

Im Kessel warten, das kennt Sylvia. Sie ist bei anderer Gelegenheit auch schon fotografiert und durchsucht worden, wegen des Vorwurfs, dass aus der Menge heraus Straftaten begangen wurden. In Hamburg lässt man erst die Minderjährigen laufen und sie selbst mit den anderen nach über fünf Stunden schließlich auch. Es ist Nacht, als Sylvia endlich in ihr Quartier zurückkehren kann.


„Das deligitimiert unseren Protest“

Nein, sie findet nicht gut, dass es unter den Demonstranten auch gewaltbereite Autonome gab. „Das deligitimiert unseren Protest“, versichert Sylvia. Aber ihr wegen einiger Dutzend Randalierer das Recht auf Demonstration versagen zu wollen, reizt sie zum Widerspruch. So sieht sie denn auch im Handeln der Polizei einen Vorsatz: Indem man Demonstrationen bewusst eskalieren lässt, wolle man Menschen wie sie davon abschrecken, vom Recht auf die Teilnahme Gebrauch zu machen. „Unsere Grundrechte werden ausgehebelt und mit Füßen getreten. Wo soll das hinführen?“.

Sylvia zieht eine Parallele, wenn man sie wegen ihres Demonstrationseifers kritisiert: Wenn in der Türkei, in Russland oder der Ukraine demonstriert wird, dann findet Ihr toll, wie die Menschen sich einsetzen. Die EU zeigt sich sogar besorgt über den Einsatz von Wasserwerfern und Pfefferspray gegen Demonstranten. Aber nicht hier!“

Ein Video zeigt den Start der Demonstration: