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Kampfmittelräumdienst lässt den Wald absuchenExplosive Erinnerungen ans Kriegsende

MAULBACH/EHRINGSHAUSEN (aep). Plötzlich wird ihm bewusst, was da vor ihm im Erdloch liegt, schmutzig braun, länglich und sichtlich alt, aber echt: eine Geschützgranate. „Da wurde mir schon etwas mulmig“, erinnert sich Reiner Schäfer an den Moment. Der Alsfelder hat zur Zeit einen brisant anmutenden Job: Zusammen mit 15 anderen Männern durchforstet er Vogelsberger Waldboden nach tödlichen Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Derlei gibt es viele, aber ganz besonders in der Region zwischen Maulbach, Ober-Gleen und Ehringshausen: Dort wurde gegen und nach Ende des Krieges Munition gesprengt – mit zweifelhaften Erfolg, denn die Reste müssen nun – Jahrzehnte später – noch eingesammelt werden, damit für Forstarbeiter keine Gefahr mehr besteht.

 

Es war eine wilde Zeit, damals 1945, als die Front auch in Hessen näherrückte. In aller Eile, so ist überliefert, ließ die Wehrmacht Munition aus der Fabrik in Stadtallendorf abtransportieren. Doch der Transport gelang nicht schnell genug, und damit die Berge von Granaten und Patronen nicht in Feindeshand fielen, wurden sie in dem Waldgebiet kurzerhand gesprengt. Eine andere Version des Geschehens erzählt, dass die siegreichen Amerikaner sich mittels Sprengung kurz nach Kriegsende dieser Altlasten entledigten. Möglicherweise hat es sogar beide Versionen gegeben – als sicher gilt, dass eine der Sprengstellen sich an der heutigen Landesstraße zwischen Ober-Gleen und Ehringshausen befand – nahe der Gemarkung Im Lützelgrund.

Knieender Mann zeigt verrottete Rste von Granaten in einer Kiste.

Foto: aep

 

Eine ziemlich uneffektive Methode, meint Gerhard Gossens vom Kampfmittelräumdienst beim Regierungspräsidium Darmstadt – jener Stelle, die diese Aufgabe in Hessen überwacht. Die meiste Munition wurde auf die Art nur weggeschleudert und bohrte sich dann in weitem Umkreis in den Erdboden – als Gefahr für künftige Generationen. Von denen sind inzwischen zwei vergangenen, bis die brisante Hinterlassenschaft bei Maulbach endlich geräumt werden kann. Der Grund, so erklärt Gossens gegenüber Oberhessen-Live, liege schlicht in der Masse der Aufgaben: Hessens Boden steckt voller Bomben und Granaten aller Art, die beseitigt werden müssen. „Wir haben ein Budget, das wir nach einer Prioritätenliste vergeben.“ Das sind immerhin eine Million Euro pro Jahr, und dieses Jahr ging man daran, jenes Stück Wald zu säubern. Anhand von Luftaufnahmen sei vor Jahren bereits die Sprengstelle ausfindig gemacht worden – worauf der Wald im Umkreis von bis zu 700 Metern nur noch bedingt bewirtschaftet werden durfte. Spaziergänger wurden vor dem Verlassen der Wege gewarnt.

 

Eine verrostete Granate liegt auf dem Waldboden.

Foto: privat


Den Auftrag erhielt die Munitionsbergungsfirma OBK aus Mecklenburg-Vorpommern, die im September mit eigenen Fachleuten anrückte – aber auch Mitarbeiter aus der Region rekrutierte, unter ihnen den Alsfelder Reiner Schäfer. Sieben „Suchpärchen“, je ein Sondenführer und ein Helfer mit dem Spaten, grasen seither bei Wind und Wetter 25 mal 25 Meter große Quadrate Waldboden systematisch ab – und werden jeden Tag fündig. Ein Blick in das Protokoll eines einzigen Tages ist aufschlussreich: Fünf zwei-Zentimeter-Geschosse sind da aufgelistet, drei 3,7 Zentimeter-Granaten, zwei fünf Zentimeter- und eine 15 Zentimeter-Granate – ein ausgewachsenes Artillerie-Geschoss. Dazu drei 15-Millimeter-Maschinengewehrpatronen und 100 Kilogramm Metallsplitter. Eines Tages war da auch jene „Acht-acht-Granate“ bei, die Reiner Schäfer in 30 Zentimeter Tiefe mit dem Spaten ausgrub, nachdem das Suchgerät des Sondenführers ausgeschlagen hatte. Ein brisanter Moment, bei dem die beiden OBK-Feuerwerker Bernhard Nielebock und Matthias Müller gefragt waren: Die sicherten das Geschoss für den Abtransport. Erscheint der zu gefährlich, wird Munition auch vor Ort gesprengt. Etwa im Fall der beiden Handgranaten, die sich nacheinander im Wald in Splitter auflösten – 68 Jahre, nachdem sie das eigentlich schon sollten.

Bis kurz vor Weihnachten noch werden die Suchtrupps in dem Waldstück weitersuchen, erklärt Gossens. doch sei die Aufgabe damit längst nicht erledigt, zu groß ist das kontaminierte Gebiet. Im Frühjahr 2014, wenn der Boden wieder aufgetaut ist, soll es weitergehen. Ein für den Wald guter Nebeneffekt: Die Männer entdecken auch jede Menge metallischen Müll vom Kaugummipapier bis zur Bierdose und sammeln den gleich mit ein.